Endlich die Wahrheit über die Staatsanwaltschaft – Transkript des Live-Podcasts mit Kantonsrichter Patrick Guidon am Tag der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen 2022

Liebe Patrick Guidon

Duri Bonin: Wenn Du irgendwo inere Südbar über mich stolpere würsch, wie würsch du dich vorstelle?

Patrick Guidon: Also wenn miar üs privat kennalerna würdand, denn würd i glaubs nit in erster Linia erwähna, dass i Richter bin. I würd Diar endar öppis us minam Privatleba verzella, zum Biispiel, dass i mi sit vielna Johr bi „Hand für Afrika“ engagiara, ama Hilfswerk do ind dr Stadt St. Galla. Miar bauand vor allem Kindergärta und Schuala im Senegal, woni als Projektleiter au regelmässig in Afrika gang go bsuacha. 

Fakt isch aber, du bisch Kantonsrichter: Was triibt dich als Richter ah? 

Dass i mit minara Tätigkeit an kliina Biitrag zum Rechtsfrieda in dem Land leischta kann.

Du bisch ja über Kantonsgrenze use bekannt für es bsundrigs Stiilmerkmal:

Du meinsch wohl, dass i dia Beschuldigta und au wiitara Persona sehr gära uusfüahrlich befroga tuan.

Wie bisch dadezue choh?

As sind zwei Gründ, wo für mi uusschlaggebend gsi sind: Erschtans bin würklich dra interessiart, mi dr materiella Wohrheit so wiit wia’s irgendwia goht az’nöchara. Und zweitans bin i fescht drvo überzügt, dass as massgeblich zur Akzeptanz vum Urteil biitrait, wenn dia Beteiligta gspürand, dass mr ihna Ghör schenkt und as echts Interessa an der Sach hät.

Gits da es Schlüsselerlebnis?

Nai, eigentlich nit. I han das vu Aafang a aso gmacht. As isch für mich letschtlich au a Frog vum Aastand, dass mr da Lüüt zualost, grad denn, wenn mr sie nochher allafalls verurteilt.

Hesch eigentlich nie wele STA werde?

Nai.

Warum nöd?

Müah hätt i glaubs vor allem mit dr Rolla ab am Ziitpunkt vur Aaklag, also ab am Moment, wo d’Staatsanwaltschaft Partei im Verfahra isch. An minara Tätigkeit als Richter gfallt miar vor allem, dass i unabhängig bin und allai gstützt uf Verfassig und Gsetz entscheida dörf, was in mina Auga ds richtiga Urteil isch. Drum wär i als Parteivertreter glaubs eher ungeeignet.

Denn muess ich garnöd fröge, warum du nöd Strafverteidiger worde bisch?

Nai, aber i finda, beidi Rolla –  also vu Staatsaawaltschaft und Verteidigung – absolut zentral für üsara Rechtsstaat. In dem Sinn bin i sehr dankbar, dass anderi dia Uufgab übernähmand.

Also weder STA no Verteidiger: Bisch Du immerhin scho mal selber imene Strafverfahre gsih?

Selbstverständlich.

Jetzt wird’s spannend. Was hesch verbroche?

Nüt, i bin Privatkläger gsi.

So schaad. Immerhin erfolgriich?

Nai, isch iigstellt worda. 
Im Ernscht: Bi miar isch zweimol iibrocha worda. In beidna Fäll hät mir nit usagfunda, wer’s gsi isch.

Denn muess ich andersch fröge: Hesch Du schomal erfolgriich eh Straftat begange?

Also min Anwalt, das isch so an Podcaster us Züri, hät miar gsait, i sölli uf so Froga in dr Öffentlichkeit d’Uussag verweigara.

Aber mir sind ja unter ois:

Aha, jo guat, denn kann i’s jo säga. As könnti sii, dass i vor sehr langer Ziit, also uf jeda Fall vor so langer Ziit, dass alles verjöhrt wäri, über d’Stross gloffa bin, obwohl’s 40 Meter näba dra an Fuaasgängerstreifa kah hätti. Aber zu minara Verteidigung: Falls i tatsächlich je amol a so a Übertretig beganga hätti, was mit Nichtwüssa bestriita, denn han i sicher ufpasst, dass erschtans kai Kinder zualuagand und dass zweitans niammert vur St. Galler Staatsaawaltschaft in der Nööchi isch.

Ich merke, Du bisch eine vo dene, wo em eigene Awalt nöd vertraued. Liit das villicht am Verhältnis zu de Parteie im Kanton St.Galle?

Nei. Z’St. Galla isch ds Verhältnis sowohl zur Staatsawaltschaft als au zur Verteidigung sehr guat. Miar pflegand noch minam Empfinda an uusgsprocha kollegiala, offna und konstruktiva Umgang, immer im Bewusstsii, dass miar unterschiedlichi Rolla händ und dass as drum au Grenza vu persönlicha Kontäkt git. I schätza das positiva Verhältnis sehr und möchte dr Staatsanwaltschaft an dära Stell dodfür tanka.

Also im Kanton Züri sind d Gricht viel nächer bi de STA als bi de Awält:inne: Die hend eh gmeinsami Cafeteria und im neue PJZ isch s ZMG sogar im gliiche Gebäude wie d Polizei und STA:

Di Frog hät sich in da letschta Johr in Bezug ufs Kreisgriicht See-Gaster gstellt. Im Recht und dr Justiz goht’s, wia miar wüssand, hüüfig drum, dass kai falscha Aaschii enstoht. I persönlich finda’s drum sehr wichtig, dass d’Rüümlichkeita vu Staatsanwaltschaft und Griicht trennt sind.

Reded mer über d Staatsawaltschaft: Wie viel Straffäll vode St.Galler STA kennsch du us eigener Ahschauig?

I han das probiart uuszrechna, aber Du waisch, jo „iudex non calculat“, also dr Richter rechnet nit oder – wia bösi Zunga sägand – er kann’s gar nit. Drum han in schnell im System vum Kantonsgriicht nogluagt. Lut üsara Gschäftsdatabank han i in da letschta 12 Johr bi 2’137 Entscheid mitgwirkt.

Sehr guet, denn chömmer uf Augehöchi rede: Ich kenn öppe vier Fäll usem Kanton St.Galle. Hesch Du au en Überblick über d Fäll vor de Chreisgricht?

Nai, definitiv nit. Us persönlicher Erfahrig kenn i nur dia Fäll, wo überhaupt ans Kreisgriicht gönd und vu däna au nur dia, wo ans Kantonsgriicht wiiterzoga werdan. I han drum notgedrungenermassa – i säg’s jetzt bewusst zweidüütig – as bitz an beschränkta Blick uf d’Gsamtsituation.

Us dinere ihgschränkte Optik: Wie beurteilsch du d Qualität vode Arbet vode STA Kt. St.Gallen?

Jo, Duri, genau dia Frog han i befürchtat. D’Konferenz vur Staatsawaltschaft hät jo in dr Iiladig zum hütiga Aalass versprocha, hüt gäbi’s „endlich d’Wohrheit über d’Staatsaawaltschaft.“ Und bevor i uf Dini Frog igohn, muass i villicht vorweg erwähna, dass i dä Titel nit uusgsuacht han – i hätti mi so öppis nia traut. Aber gell: Jetzt bin i vur Konferenz und dodrmit vur oberschta Leitig drzua aagstiftat worda, mi zur Qualität vur Staatsaawaltschaft z’üssara, i han zuagsait und jetzt muass i au liefara. Und rein zuafällig – und würklich völlig unabhängig vum hütiga Aalass – han i in da letschta Wuchana a Umfrog an allna sieba Kreisgericht und am Kantonsgricht gmacht. Und wega dära ziitlich unglaublicha, also würklich unglaublicha, Koinzidenz mit am hütiga Aalass kann i jetzt exklusiv, soz’säga als weltwiita Primeur, d’Ergebnis vu dära ussergwöhnlich hochwertigi Studia präsentiara.

Ja, ein Chreisrichter het mir brichtet, du hettisch ihn glöcheret. D Spannig stiigt also. Lahns mich aber strukturiere. Vorab: Gits Unterschiid je nach Untersucheigsamt?

Jo, gwüssi Unterschied han i bi minara Befrogig tatsächlich könna feststella. Grad stark belaschtata Untersuachigsämter händ lut da Kreisrichterinna und -richter in da letschta zwei Johr offabar a Tendenz entwicklat, gwüssi Fäll nit bis zum Letschta z’untersuacha, sondern sie schneller ans Griicht z’überwiesa.

Schneller as Gricht überwiise: Das isch aber nöd nur schlecht?

I tänka, mr muass differenziara. Grundsätzlich muass mr dia relevanta Bewiis im Vorverfahra erheba. Das gilt für Personal- und Sachbewiis und vor allem au für beatraiti Konfrontationsiivernahma. Bi reina Vier-Auga-Delikt, wo kai Erledigung im Strafbefehlsverfahra in Frog kunnt, zum Biispiel im Sexualberiich, überlegg i miar aber schu länger, ob’s nit sinnvoll wär, die sehr rasch ins Griichtsverfahra z’gäh.

Wie beurteilsch Du Qualität vode St.Galler Staatsawaltschaft im gsamtschwiizerische Vergliich?

I kann nit behaupta, dass i an gsamtschwiizerische Überblick über alli Staatsawaltschaft hätti. Insofern wär an Quervergliich ziemlich unseriös.

Und wie gsehts uneriös uus?

Also säga mrs aso: Wenn i d’Rechtsprechig vum Bundesgericht in Bezug uf anderi Kantön aluaga, denn dörf mr glaubs – ohni d’Aawesanda über Gebühr schmeichla wella – säga, dass sich d’St. Galler Staatsawaltschaft im Quervergliich definitiv nit verstecka muass.

Also ich han sowohl di best wie au di schlechtist Staatsawältin vo mim Awaltslebe im Kt. St. Gallen erlebt. Drum gibi der im Schnitt recht. Wie beurteilsch Du d’Arbet die Strafuntersucheig?

Bi minara Umfrog isch in dem Punkt ei Antwort bsundrigs hüüfig koh, nämlich as hängi sehr stark vur fallfüahranda Person bir Staatsawaltschaft ab. Und das isch jo eigentlich au nit erstuunlich. Dia Gaußschi Normalverteilig isch jo in allna Bruafsgattiga dia gliichi, egal ob Staatsawaltschaft, Verteidigung oder – i traua mi fascht nit zums Säga – bi da Griicht. 15 Prozent in jedara Bruafsgattig sind super, 15 Prozent sind a Katastropha und dia andara 70 Prozent sind o.k., mängmol besser, mängmol schlechter. Ds Luschtiga find i jo, dass i no nia öppart troffa han, wo sait: „Doch, i ghöra definitiv zu da schlechtischta in minam Job!“ Wenn öppart sind Narzissmus überstüüra kann, denn sait er meischtans: «I ghöra bi dr mittlara Gruppa zu da Beschta.»

Denn muess ich spezifischer fröge: Wie stahts mit de Protokoll?

Allgemein isch d’Qualität sehr guat, das hät au mini Umfrog bestätigt. Mängmol würd mr sich wünscha, dass d’Protokoll vu da Formuliarig her nöchher am Original wärand. Wenn mr gwüssi Protokoll liest, denn hät mr ds Gfühl, as sigandi dr Goethe oder dr Schiller als Beschuldigti iivernoh worda. Wenn denn dia Lüüt vor Griicht häsch und merksch, dass dia kuum an grada Satz uf Düütsch hära kriagand, denn zwiiflisch mängmol schu as bitz dra, ob das, was im Protokoll stoht, tatsächlich so gsait worda isch.

Wie beurteilsch Du d’Vollständigkeit vode Strafuntersucheig?

Bi da schwera Delinquenz und da grossa Verfahra sind dia wesentlicha Untersuachiga eigentlich immer gmacht worda. Mini Umfrog bi da Kreisgriicht hät ergäh, dass as denn, wenn d’Staatsawaltschaft vu Aafang a an Strofbefehl im Visiar higi, mängmol as bitz anderscht usgsgeht. Das füahrt zunara Mehrbelaschtig bi da Kreisgriicht, au wenn mr für da Aasatz vur Staatsawaltschaft bi Bagatelldelikt as gwüssas Verstängnis ha mag.

Im Zwiifel chönntmer aber im Bagatellbereich au eifach ihstelle:

Jo, das stimmt. Aber gell, i weiss us andara Kantön, dass as Staatsawält git, wo relativ rasch an Strofbefehl usalöhnd mit dr Begründig, as sigi jo nur an Urteilsvorschlag. Wia’s ds St. Galla isch, kann i nit säga. Als zweitinstanzlicha Richter fehlt miar diesbezüglich dr Überblick.

Wie beurteilsch du d Qualität vode Ahchlage?

Im Grossa und Ganza isch d’Qualität vu da Aaklageschrifta bi minara Umfrog als guat bewertat worda.

Wird’s Ahchlageprinzip in St.Galle streng ghandhabt?

Am Kantonsgriicht sind miar relativ grosszügig, uf jeda Fall denn, wenn dr Beschuldigti eigentlich ufgrund vu da Iivernahma ganz genau weiss, um was as goht. In däna Fäll find i’s denn auch amigs as bitzli aastrengand, wenn d’Verteidigung eifach ihra Standardtextblock zum Aaklageprinzip ins Plädoyer kopiart und vorliest.

Aber eh unteri Grenze gits scho, oder?

Jo, dass isch so. Dr Beschuldigti muass wüssa, um was as goht und dörf nit überrascht werda. Und dodrfür bruuchts an gwüssa Detailliarigsgrad. In däm Zämahang isch bi minara Umfrog bi da Kreisgriicht öppis mehrfach erwähnt worda, nämlich, dass in däna Fäll, wo an Strofbefehl eifach ans Griicht überwiesa wird, d’Uusfüahriga zum subjektivi Tatbestand mängmol sehr dünn sigand. Do hätti’s bi dr Staatsawaltschaft wohrschiinlich no as bitz Luft gega oba.

Wie gahsch du mitem Ankereffekt um?

Dr Ankereffekt git’s und zwar lut wüssaschaftlicha Studia nit nur bi Laia, sondern au bi Experta und vor allam au bi Richterinna und Richter. 

Wie gahsch du demit um?

Also z’erschta Mol isch wichtig, dass mr sich bewusst isch, dass as dä Effekt git. Und as zweits, sehr effektivs Mittel gega dr Ankereffekt isch, dass mr konsequent vergliichbari Referenzfäll biizücht. Drum müand bi üs d’Grichtsschrieberinna und Grichtsschrieber in da Referat immer 4-6 Referenzfäll zur Strofzuamessig uuflischta.

Zürcher Gricht schaffet nöd mit Referenzfäll. Drum bring ich mengisch sottig ich mine Plädoyers. Das bring mich zur Frag: Für wie wichtig erachtisch du’s Plädoyer?

Söll i jetzt a ehrlichi Antwort gäh?

Hangt vode Antwort ab:

Wohrschiinlich würd min Podcaster-Aawalt miar jetzt rota, i sölli d’Antwort verweigara. Und i wett ihn nit nomol enttüscha.

Denn lan mich bitte andersch fröge: Uf was achtisch du bim Plädoyer?

As guats Plädoyer sött in mina Auga nit erschöpfand sii. Das mein i durchuus doppeldüütig. I find, dass as Plädoyer nit zu jedam Aspekt Stellig näh muass. Dia Staatsawält vur St. Galler Staatsaawaltschaft, wo’s bsundris guat machend, beschränkand sich uf dia wesentlicha Aspekt. Sie lenkand d’Uufmerksamkeit vum Griicht uf dia Pünkt, wo wichtig sind und zwar im Bewusstsii, dass au d’Ufnahmefähigkeit vuma Richter beschränkt isch.

Was sind d Erwartige as Plädoyer vode STA?

Meischtans isch im Strofrecht jo dr Sachverhalt umstritta. Uf das sötti sich ds Plädoyer drum konzentriara, das immer unter Berücksichtigung, das ds Griicht d’Akta grundsätzlich kennt. Dia rechtlich Würdigung hingegan kann mr in mina Auga grundsätzlich guat am Griicht überloh.

Und zude Strafzuemsseig?

Ja, das find i, ghört drzua. Und do könnti zum Biispiel au d’Staatsawaltschaft meh mit Referenzfäll schaffa.

Und wennmer s umkehrt ahluegt: Was isch es schlechts Plädoyer?

Sicherlich Plädoyer, wo uusufernd sind und sich nit ufs Wesentlicha konzentriarand. Und Plädoyer, wo nit sachbezoga sind, vor allem wenn mr dr Iidruck hät, as gächi um öppis Persönlichs zwüscha Staatsawaltschaft und Beschuldigtam oder sinara Verteidigung.

Was isch Dini Strategie bi schlechte oder z lange Plädoyers?

I probiara, si mit Würde z’erträga.

Gits da en spezielle Trick, wiemer das macht?

Also so Verhandliga sind meischtans a relativ truurigi Gschicht. Drum i setza in däna Fäll mis sogenannta „Kondolenzgsiicht“ uf, as bitzli wia binara Beerdigung.

Als Fazit: Wie isch d Qualität vode Plädoyer vode STA insgesamt?

Jo, do dörf i wieder exklusiv vu minara Umfrog briichta. D’Qualität vu da Plädoyer wird allgemein als guat iigschätzt. Lut Umfrog git’s allerdings in zwei Bereich Verbesserigspotential: Erstens isch mehrfach erwähnt worda, dass sich Staatsaawältinna und Staatsawält zum Teil schwer drmit tüand, d’Ergebnis vum griichtlicha Bewiisverfahra in ihram erschta Vortrag z’verarbeita. Und zweitans händ verschiedani Umfrogeteilnehmer druf hiigwiesa, dass ds spontana Repliziara uf Argument vur Verteidigung nit immer glingt und hüüfig eifach uf dr erschti Vortrag verwiest, obwohl’s eigentlich schu no öppis z’säga gäbti. Guat, as muass jo denn nit so wiit goh, wia bi dem Fall, wo ei Kreisrichter bir Umfrog erwähnt hät. Dötta hät a Staatsaawältin ihra zweiti Vortrag, also dä, wo sie spontan uf d’Argument vur Verteidigung hätti sölla Antwort gäh, am Griicht schriftlich abgäh – also eigentlich richtig visionär. Und ei Kreisrichter hät no druf ufmerksam gmacht, dass mr vor Kreisgriicht anderscht plädiara muass als vor Kantonsgriicht.

Villicht chan die Staatsawältin hellsehe. Inwiefern andersch plädiere?

Dä Kreisrichter hät druf hiigwiesa, dass mr Laiarichter nicht mit rechtlicha Erwägig erschloh sötti. Bi däna müassa mr öppis büüta und Tacheles reda. Und miar isch vu säbam Griicht a Gschicht in Sinn koh, wo sich vor meh als 20 Johr abgspielt hät, aber grad guat passt. Do hät isch an Handwerker noch am Schaffa in dr Kälti am Noomittag als Laiarichter am damaliga Bezirksgriicht im Iisatz gsi. Und wil’s im Griichtsaal sehr warm gsi isch, isch irgendwenn sehr müad worda. Alli händ’s gmerkt, au dr Verteidiger. Aber niammart hät öppis gsait. Und irgendwenn hät denn dr Verteidiger bi sinam Plädoyer erklärt: «Herr Präsident, könnten Sie nun den Herrn Bezirksrichter wecken, weil jetzt kommt nämlich etwas wirklich Wichtiges!» Das wär grad au as Bispiel drfür, wie mr d’Ufmerksamkeit ufs Wesentlicha lenka kann.

Falls immerhin Du wach bisch: Merksch Unterschied die Plädoyers zwüsched em Kantonsgricht und vor Chreisgricht?

D’Plädoyer vor Kreisgriicht kann i nit us eigner Erfahrig beurteila. Vor Kantonsgriicht trätand hüfig dia Leitanda Staatsaawält uuf. Und dia machand’s in mina Auga sehr guat, übrigens grad au, was ds Repliziara abelangt.

Interessant. Aber hesch Du mir nöd im Vorgspräch vomene Fall verzellt: „Lustlos id 2. Instanz„?

Jo, das sind aber Einzelfäll. Also denn, wenn d’Staataawaltschaft selber Beruafig macht, denn find i, muass mr sich schu as bitzli ins Züg legga und kann nit eifach as paar wenigi Minuta plädiara. In dem Sinn git’s au a unteri Grenza für d’Duur vumana Plädoyer.

Gits eigentlich au lustigi Moment im Bruefigsverfahre?

Definitiv. Miar händ zwar hüüfig mit schwieriga Fäll z’tua. Und Humor isch in Griichtsverhandliga öppis, wo mr nur sehr dossiart isetza sött. Aber grad au in da Plädoyer vu dr St. Galler Staatsaawaltschaft git’s ab und zu öppis zum Schmunzla. Bi üs legendär isch dia Situation gsi, wo an Staatsawalt mit am Verteidiger vor da Auga vum Griicht intensiv diskutiart hät, ob Gschlechtsverkehr im Stoh rein anatomisch überhaupt möglich isch. Er hät denn gsait und das au gliichziitig physisch demonstriart: «Also sehr geehrtes Gericht, Sex im Stehen, das geht. Da nehmen Sie ein Bein hoch…» Und miar Richter händ ihn denn alli so as bitz irritiart agluagt. Und denn hät er noogschoba: «Also ich möchte das jetzt nicht vertiefen…»
Und lustig isch as schiinbar au vor Kreisgriicht. Bi minara Umfrog hät miar an Kreisrichter vuma Fall vu Milchpanscherei vumana Puur verzellt. A toughi Staatsaawältin higi denn zuma sehr bekannta St. Galler Aawalt gsait: «Den Bauer erkennt man an seiner Gabel, den Advokaten an seinem Schnabel.»

Ja, ja, ja: Ah was erchenntmer denn eh gueti Staatsawältin, en guetä Staatsawalt?

Guati Staatsawältinna und Staatsawält söttand in mina Auga zielgriichtat und sachbezoga schaffa, dia nötig persönlichi Distanz ha und mit allna Verfahrensbeteiligta, grad au am Beschuldigta, respektvoll umgoh.

Und wie muess de Schnabel vode Verteidigung gwachse sii?

Dä dörf insofern as bitzli krümmer sii, als d’Verteidigung jo nit objektiv sii muass.

Hesch du eigentlich eh Lieblibs-Staatsawältin oder -Staatsawalt?

Sogar mehrari!

Verzell, ich han ja mal mitere Justizbeamtin us dem Kanton es Techtelmächtel gha:

Ah schu? Bei miar ist as genau umgekehrt. I bin sit 25 Johr mitara Aawältin – stell Diar das amol vor – zäma und han sogar viar Kind mit ihra. Nai, aber im Ernscht: Am Liabschta sind miar dia Staatsawältinna und Staatsawält, wo ihri Ufgob ernscht nähmand und engagiart usüäband, wo aber gliichziitig nüt Persönlichs us am Ganza machand. I finda’s drum zum Biispiel sehr schön, wenn i noch dr Verhandlig gsehn, dass sich an Staatsawalt vum kantonala Untersuachigsrichteramt immer aaständig vuma Beschuldigta verabschiedet und mr spüürt, dass mr trotz allem respektvoll mitanand umgoht.

Gsehsch du’s Gricht die Pflicht für d’Qualität vode STA?

Nai, eigentlich nit. Allerdings verpflichtand üs dr Untersuachigsgrundsatz und dia bundesgriichtlich Rechtsprechig, gwüssi Versüümnis vur Staatsawaltschaft im griichtlicha Verfahra noz’hola. Miar könd also in däna Fäll nit eifach d’Händ in da Schoss legga und säga, as goht mi nüt a, dass das d’Staatsawaltschaft zum Biispiel a entscheidandi Konfrontationsiivernahm nit gmacht hät. 

Was ischs Bedenklichste wod je gseh hesch?

Ds Bedenklichschta, woni je gseh han, isch an Staatsawalt gsi, wo a psychisch uffälligi Beschuldigti menschlich absolut unanständig und auch juristisch sehr grenzwertig behandlat hät. As isch übrigens dr gliichi Staatsawalt gsi, wo vor Kantonsgriicht bima Schlusswort vum Beschuldigta eifach uufgstanda isch, usagloffa isch und gsait hät: «Wenn Sie hier Seelenpflege betreiben wollen, dann bitte ich Sie, mich zu dispensieren.» I bin nit unglücklich, dass da Staatsaawalt hüt nümma bir St. Galler Staatsawaltschaft schafft. Das isch aber an krassa Usnahmefall gsi.

Sölli fröge, wo er hütt schaffet?

Nai.

Warum isch d Qualität vode STA so wichtig?

Wil das ganza System nur denn funktioniart, wenn jedas Rad in däm System – also Polizei, Staatsanwaltschaft, Verteidigung und au Griicht – ihri jewieligi Rolla wohrnähmand.

Schlechti Verteidiger chamer ja uswechsle: Wieviel Mal isch das scho passiert?

I han das erscht eimol gmacht. Au das isch an krassa Fall gsi. I han drum dä Entscheid au in verschiedana Ziitschrifta veröffentlicht., unter anderem dr Aawaltsrevue.

Hets au scho Fäll geh, wo du gern de STA usgwechslet hettisch?

Also amol vu däm krassa Biispiel, woni vorher erwähnt han, amol abgseh eigentlich nit. Aber as kunnt, wenn au nur selta vor, dass i dr Uuftritt vur Staatsaawaltschaft – sägamar amol so – verbesserigswürdig finda.

Machsch denn Meldig?

Also nit an irgendwelchi Vorgesetzti. Was i aber schu gmacht han, isch bi passender Glegaheit und in anständiger Form a kurzi Rückmeldig gäh.

Wie isch d Rückmeldig ufd Rückmeldig gsih?

Dia weniga Mol, woni das in allem Aastand gmacht han, isch d’Reaktion positiv gsi. Das tunkt mi ohnehin eis vu uusgsprocha positiva Markazeicha vur St. Galler Staatsawaltschaft: Sie isch kritikfähig und wetti sich immer wiitar verbessara. Das zeigt sich jo au bi däm Podcast.

Wie meinsch das?

Jo, Duri, jetzt amol ernschthaft: As bruucht also schu ziemlich viel Muat, ama Aawalt und ama Richter ima Live-Podcast eifach a Carte blanche z’erteila, zum ihri Sicht über d’Staatsawaltschaft zum Beschta z’gäh. I glauba, as git kei anderi Staatsawaltschaft in der Schwiiz, wo sich traua würd, zwei so verhaltensuuffälliga Lüt wia üs beidna a sona prominenti Plattform z’gäh.

Nützemer das also uus. Wenn du eh Gsamtnote geh müesstisch fürd STA St.Gallen? Note vo 1-6:

Also: Dr Gsamtschnitt vu minara Umfrog hät an uufgrundata Füüfer ergäh. I selber wär, bezoga uf mini Erfahrig am Kantonsgriicht, höcher, nämlich zwüscha füüf und füüfahalb.

Du muesch Dich entscheide: Als Richter sött Dir das nöd schwerfalle.

Also eigentlich lohn i mi vu Aawält nit gära unter Druck setza. Aber ehrlich gsait han i bi minara Umfrog ds Gliicha mit da Kreisrichter gmacht. Und eina hät as schöns Bild bruucht, woni jetzt au verwenda: Ob’s an Füüfar oder an Füüfahalber git, hängt drvo ab, ob d’Nota fürs 1. oder fürs 2. Semester isch und ob sie für d’Matura zählt oder nit. Wenn sie für d’Maturanota zählt, denn würd i an Füüfahalber gäh. Wenn sie fürs 1. Semester isch, denn an Füüfar, damit d’Staatsawaltschaft fürs zweita Semester no motiviart isch.

No ei letschti Frag: Was würsch ide Justiz ändere, wennd Superchräft hettisch?

Denn würd i glaubs hära goh und us allna Gsetz dia Strofbestimmiga usasstriicha, wo völlig unnötig sind. I meina, per Endi Februar sind im Strofregister fascht 800’000 Persona verzeichnat gsi. Wenn i d’Uusländer, wo nit do wohnand, und alli strofunmündiga Kinder abzüücha, und denn no alli Übertretiga, wo nit im Strofregischter iitrait sind, drzua rechna, denn sind miar statistisch gseh as Land voll luuter Stroftäter. Das find i ziemlich seltsam und hät zur Folg, dass sich au ds St. Galler Staatsawaltschaft mit Unmmenga vu Bagatalldelikt befassa muass. I persönlich würd ds Strofrecht uf das beschränka, wo’s würklich Strofrecht bruucht. Denn hätt mr au gnüagand Ressourca, wo mr dötta iisetza kann, wo’s würklich nötig isch.

Wo bruuchts s Strafrecht nöd?

Mis Liablingsbiispiel, woni immer wieder gära bringa, isch ds St. Galler Hundegesetz: Noch dem Gsetz wird mit Buass bis 10’000 Franka bestroft, wer, gega störends Hundegebell oder Hundegehüühl vum eigna Hund vorsätzlich kei geeignati Massnahma ergrifft. Das find i schu drum lustig, wil sich das an dia Lüüt richtat, wo ihra Hund eh schu nit im Griff händ. I meina, was sölland dia denn macha, am Hund z’Muul zuaheba oder na in schalldichta Ruum iisperra? Denn hätti mr sichar as Strofverfahra wega ama Verstoss gega irgendwelchi Tiarschutzbestimmiga am Hals. I han echt Zwiifal, ob’s für Hundegebell würklich ds Strofrecht bruucht.

Garnöd devo z rede, was das de Staat hineuse chostet. 

Also, das wo bim Hund hinna usa kunnt, das isch jo au strofrechtlich erfasst und koschtat au. Aber über das will i definitiv nit mit Diar reda!

Ich aunöd Patrick, ich aunöd. Viele dank fürs Gspräch.

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